Frau Schölch, Germanistin und Pädagogin, ist in der eigenen ehrenamtlichen Arbeit seit Herbst 2015 den Herausforderungen bei der Alphabetisierung Geflüchteter begegnet. Inzwischen hat sie mit „α Intensiv“ ein Praxis-Konzept erarbeitet, das auch andere Ehrenamtliche in Frankfurt unterstützt. Die erste Fortbildung zum Konzept hat bereits bei „Frankfurt hilft!“ stattgefunden.

Frau Schölch, wie funktioniert Ihr Konzept „α Intensiv“?

Es gibt einen enorm hohen Bedarf an ehrenamtlichem Alphabetisierungsunterricht. Sehr oft wird das Angebot von Deutschunterricht nicht wahrgenommen, weil Geflüchtete die Schlüsselkompetenz Schrift gar nicht oder nicht ausreichend haben. Gleichzeitig ist das Ehrenamt häufig mit dieser Problemstellung allein. Genau hier will mein Konzept „α Intensiv“ eine Brücke sein.
Eine Brücke ist nötig, weil Alphabetisierung nicht ohne weiteres, „aus dem Bauch heraus“, möglich ist: Alphabetisierung funktioniert anders als Spracherwerbsunterricht und dann geht es auch noch um Alphabetisierung von Erwachsenen ohne Deutschkenntnisse, teilweise ohne Schulerfahrung. Wenn Sprachunterricht versucht, Alphabetisierung irgendwie zu integrieren und das so nebenbei mitlaufen zu lassen, wird es nicht funktionieren, zumindest nicht gut genug.
„α Intensiv“ bietet eine Hilfestellung für ehrenamtlichen Alphabetisierungsunterricht: In nur sechs Wochen bekommen die Lernenden einen systematischen Einstieg in die Kulturpraxis Schrift: stabil und klar genug, um danach an niedrigschwelligem Deutschunterricht teilzunehmen.

Sie sagen, dass Alphabetisierung und Spracherwerbsunterricht voneinander getrennt werden sollten. Warum ist das so wichtig? Und was unterscheidet beide Bereiche voneinander?

Es sind tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Lernziele mit jeweils unterschiedlicher Didaktik und Methodik. Alphabetisierung ist wie das Anlegen eines neurologischen Verkehrsnetzes im Gehirn. Es geht um etwas Abstraktes und gelernt wird ein Prinzip, eine Struktur. Das geht am besten mit gleichförmigen Übungen, einer hohen Ritualisierung im Unterricht und wenig pädagogischer „Action“. Die Gesetzmäßigkeiten der Schrift werden runtergebrochen auf kleine, sich immer wiederholende Lernstufen. Guter Alphabetisierungsunterricht hat eine Formstrenge, die Spracherwerbsunterricht einschläfern würde. Während ehrenamtlicher Deutschunterricht gar nicht konkret, persönlich, abwechslungsreich und bunt genug sein kann, braucht ein Lernen der ersten Alpha-Schritte einen ganz einfachen Rhythmus. Wohlgemerkt: es sind nur die ersten Schritte. Alphabetisierung und Spracherwerb sollten nur am Anfang streng getrennt erfolgen. Nach den sechs Wochen von α Intensiv können und sollen beide Lernwege wieder zusammen laufen.
Was hier außerdem toll passt, ist, dass viele Lernende auch Unterricht an sich zum ersten Mal kennenlernen. Sie lernen nicht nur, wie Schrift funktioniert, sondern auch, wie gesteuertes Lernen funktioniert. Für diese Lernenden ist das einfache, glasklare und strukturierte Konzept von α Intensiv ein guter Einstieg in beides.

Welche Unterschiede gibt es in der Alphabetisierung von Grundschulkindern, die deutsch sprechen und Erwachsenen, die noch nicht oder wenig Deutsch sprechen? Was ist die Herausforderung bei der Alphabetisierung von Erwachsenen mit Fluchthintergrund?

Oh, es gibt einen Riesenunterschied! Das muss man sich erst mal klar machen! Zum Beispiel kann man nicht einfach Anlauttabellen benutzen. Diese Methode zählt ja darauf, dass Lernende auf deutsches Vokabular zurückgreifen können. Wenn ich aber das Bild einer Ameise als Erinnerungshilfe für den Buchstaben A oder das eines Kamels für K benutzen will, dann funktioniert das nicht, wenn z.B. Dari-Muttersprachler/innen „morča“, bzw. “shutur“  dazu abgespeichert haben. Es gibt zwar zweisprachige Anlauttabellen, aber wenn man 2, 3 oder 4 verschiedene Erstsprachen in der Lerngruppe vertreten hat, dann helfen die nicht mehr. Man braucht also andere Merkhilfen, um Laut und Schriftzeichen zu verbinden.
α Intensiv verwendet hier sehr erfolgreich Lautgesten.
Ebenso ist die Fähigkeit zum Unterscheiden der einzelnen Laute ein großes Thema für Fremdsprachler/innen bei der Alphabetisierung: Dass z.B. E und I im Deutschen zwei genau unterschiedene Vokale sind, muss jemand mit arabischer oder persischer Erstsprache erst sprechen und hören lernen.
Es ist auch ganz dringend nötig, sich das Buchstabieren abzugewöhnen, also Konsonanten mit Stützvokalen auszusprechen: „Be“, „Es“, „Em“. Wobei… das sollte man auch beim Schrifterwerb von deutschsprachigen Kindern lassen und stattdessen lautieren, also nur die tatsächlichen Laute zum Benennen der Buchstaben verwenden: [b], [s], [m].

Was auch zu beachten ist, ist dass Lernende ohne Schulerfahrung oft nicht die motorischen Fähigkeiten haben, um überhaupt die Schriftzeichen abzubilden. Dazu kommt bei Lernenden aus Kulturkreisen mit einer anderen Schrift, dass sie nicht auf Sehgewohnheiten und Halbwissen zurück greifen können. Ein Buchstabe B ist eine ganz schöne Herausforderung am Anfang. Zuerst ist es ein Abzeichnen – zum wirklichen Schreiben aber braucht man Übung. Das geht zwar recht flott, aber man darf es nicht gleich zu Beginn voraussetzen, sondern muss Zeit und passende Übungen einplanen.

Wie können Ehrenamtliche Ihr Konzept kennenlernen und erproben?

Das eintägige Fortbildungsseminar bei „Frankfurt Hilft“ ist der ideale Einstieg. Eine Einführung in die Besonderheiten des Alpha-Lernens und die Methodik des Konzeptes α Intensiv ist mit nur wenig Zeit-Investment möglich. Das Schöne ist ja, dass es hier nicht um Atomphysik geht, sondern dass das eigentliche Lernthema im Grunde ein Einfaches ist. Man muss ein paar Dinge wissen und beachten, aber wenn dieser Rahmen gesetzt ist, ist die Praxis ziemlich leicht.
Es gibt zu α Intensiv viele fertige Arbeitsblätter und Unterrichtsplanungen in einer Cloud. Weiterhin begleite ich selbst die Anwenderinnen und Anwender bei der Umsetzung, wenn sie das wünschen. Ich coache Ehrenamtlichen-Teams, kann im Unterricht hospitieren und stehe für alle Fragen und Anregungen zur Verfügung.

Wichtig ist mir, dass Ehrenamtliche nicht allein vor dieser Aufgabe stehen müssen. Wer Lust hat, sich mit dem Thema Alphabetisierung für Geflüchtete zu befassen, muss sich nicht einzeln und mühsam in das Thema einarbeiten und sein Unterrichtsmaterial selbst erstellen.

Es ist alles da.