Gespräch mit Frau Dr. med. Julia Fries von Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF)


Seit 2014 führen die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) in Kooperation mit dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) in Frankfurt das Projekt  „Ärztinnen-Informationsstunden zur interkulturellen Gesundheitsförderung für Mädchen und Frauen“ durch. Seit 2017 werden auch Frauen mit Fluchterfahrung in Unterkünften zu den verschiedenen Gesundheitsthemen beraten.

Foto: © Stefanie Kösling

Was bieten Sie für Geflüchtete an?

Bei uns geht es um Gesundheitsbildung durch ärztliche Informationen, die wir in Veranstaltungen bzw. in Gesundheitsgesprächen thematisieren. Dabei geht es uns darum, dass Frauen ihren Körper kennen, schätzen und schützen lernen und gesundheitsfördernde Maßnahmen sowie bestehende Beratungs- und Behandlungsangebote des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen.
In unseren Veranstaltungen können sich die Frauen vielfältig mit ihren Wünschen und ihren kulturellen Einstellungen einbringen. Sie  können ihre medizinischen Fragen besprechen, Themenwünsche äußern, Diagnosen und Befunde mitbringen. Wir stellen unser Know-how zur Verfügung. Dabei muss man erwähnen, dass wir in den Veranstaltungen keine medizinischen Vorträge halten, vielmehr geht es um lebendige Gespräche, in denen man sich annähert und herausfiltert was der Bedarf in einer Gruppe ist bzw. was für die Frauen wichtig ist. Daraus ergibt sich, dass jede Veranstaltung anders ist und unterschiedliche Themen beinhaltet. Je mehr sich die Frauen einbringen, umso individueller kann  eine Veranstaltung ausgerichtet werden. In diesem Projekt arbeiten wir zudem mit Dolmetscherinnen zusammen, um sprachliche Barrieren zu überwinden und fundierte Informationen verständlich zu vermitteln.

An wen richtet sich das Angebot und was ist das Besondere?
Das Angebot richtet sich an Mädchen und Frauen mit Fluchterfahrung, die noch nicht lange in Deutschland leben und kaum Zugangswege in das deutsche Gesundheitssystem haben. Die Meisten sind nicht versichert und erhalten medizinische Versorgung auch nur im Notfall. Ich nehme wahr, dass Impfungen und Vorsorgeprogramme nur rudimentär in Anspruch genommen werden, auch aufgrund von Wissenslücken. Vielen Mädchen und Frauen ist nicht bekannt, welche Angebote es im Bereich Gesundheit gibt bzw. welchen Anspruch sie haben.
Gleichzeitig ist der Zugang zu Gesundheit und Körper sehr unterschiedlich. Hier spielt oftmals auch  Bildung eine Rolle. Wir machen die Erfahrung, dass in bildungsfernen Familien bzw. in traditionellen Vorstellungen  das Thema Gesundheit auch anders eingeordnet wird und nicht selten an religiöse Vorstellungen wie bspw. Schicksal oder Strafe gekoppelt ist. Auch die Tabuisierung der sexuellen Gesundheit stellt  uns vor eine große Herausforderung. Deshalb ist es wichtig, eine Vertrauensbasis herzustellen und respektvoll und kultursensibel auf die Fragen und Bedürfnisse der Frauen einzugehen. Es ist bedeutsam zu erwähnen, dass diese Frauen als Multiplikatorinnen agieren und das neugewonnene Wissen in ihre Familien und Freundeskreise hinein transportieren.

Welche Themen behandeln Sie in Ihren Veranstaltungen?
In unseren Veranstaltungen zur interkulturellen Gesundheitsförderung, geht es um so ziemlich alles: Pubertät, Zyklus und Menstruation, Besuch bei einer Frauenärztin, Fruchtbarkeit und Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt und Schwangerschaftsabbruch, gynäkologische Erkrankungen, Impfungen und Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen, um nur einige Themen zu benennen. Aber auch kulturspezifische Themen wie: Hygieneerziehung, Jungfräulichkeit, Mythen und Fakten rund um das Jungfernhäutchen und die Genitalbeschneidung. Wir richten uns da tatsächlich nach den Themen und Wünschen der Teilnehmerinnen und ergänzen diese mit präventivmedizinischen Gesundheitsinformationen.

Können ehrenamtliche Initiativen & Projekte Sie für eine Veranstaltung einladen?
Wir freuen uns über jede Anfrage.

Kontakt:
Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF e.V.)
Frau Dr. med. Julia Fries
E-Mail: fries@aeggf.de

www.äggf.de

Infomaterial:
Hier zur Publikation: AMKA Gesundheit vor Ort Dezember 2016