Gespräch mit Anke Karen Meyer, Kulturmanager bei „Bridges Musik verbindet“

„Bridges“ ist im Herbst 2015 mit der Idee gestartet, beheimatete und geflüchtete Musiker zusammen zu bringen und gemeinsam Musik zu machen. Geplant war eigentlich „nur“ ein gemeinsames Konzert im hr-Sendesaal. Was habt ihr damals erlebt und welche Entwicklung hat die Initiative durchlaufen?

Ich selbst war 2016 eine von knapp 800 Konzertgästen – und diese besondere, familiäre und vertraute Stimmung auf der Bühne war für alle zu spüren. Zu diesem Zeitpunkt war ja zum Glück schon entschieden, dass eine der Musikerinnen – Johanna-Leonore Dahlhoff – die Leitung übernimmt und das Projekt somit weiterlaufen kann. Julia Kitzinger und Isabella Kohls haben das Projekt ja ehrenamtlich gestartet und waren dann mit Referendariat bzw. mit Nachwuchs anderweitig gefragt. Und der Arbeitsaufwand wurde so groß, aber auch das Potential der „Bridges-Idee“ für unsere Gesellschaft – mit Musik zu verbinden – wurde ersichtlich. Daher sind wir nun zwei Hauptamtliche Mitarbeiterinnen, die durch Spendengelder in Teilzeit für das Projekt arbeiten können und weiterhin viele Ehrenamtliche, die engagiert helfen. Oft sind die Ehrenamtlichen auch Musiker*innen, die neben den Proben für die großen Orchester- und Ensemblekonzerte mit anpacken – und Isabella ist auch noch mit reduziertem Zeitaufwand dabei.

Foto: Brigdes Musik verbindet

Wo steht „Bridges – Musik verbindet“ heute?

Nach dem Konzert im hr-Sendesaal in 2016 hatten wir 60 Auftritte in Frankfurt und Hessen, viele davon wurden unentgeltlich gespielt. Johanna hat die Leitung übernommen. Ich bin einige Monate danach dazugekommen und wir gehören nun dem gemeinnützigen Verein Kirche in Aktion e.V. an.

Im April 2017 dann haben wir das zweite Konzert im hr-Sendesaal gespielt. Wir wurden für die musikalische Weiterentwicklung von vielen Seiten gelobt. Mittlerweile hat Bridges über 100 Musiker*innen aus aller Welt zusammengebracht. In diesem Jahr wurden schon 75 Ensembles-Konzerte gebucht, außerdem haben einige Musiker für die Bundesregierung in Berlin gespielt, und im Herbst sind vier von uns eingeladen mit Musikern der Kronberg Academy zu spielen, das muss man erst mal schaffen.
In den meisten Fällen spielen die Musiker*innen nun mit Gage – die meisten von uns sind ja Profis und Musik zu machen war auch in den Heimatländern ihr Hauptberuf. So haben wir über die Konzerte und musikpädagogischen Projekte schon einige Musiker in den Arbeitsmarkt integrieren können. Und auch die beheimateten Musiker profitieren davon – und vor allem von der Art Musik zu machen. Wir engagieren uns ja für einen musikalischen Dialog, der geprägt ist durch die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Musiker*innen. Dieser Dialog schafft eine neue und besondere Musik – den Bridges-Stil sozusagen.

Es ist beachtlich, was ihr in den vergangenen zwei Jahren geschafft habt und Ihr entwickelt Euch rasant weiter. Was gibt es aktuell Neues?

Wir haben z. B. als weiteres Projekt die „Bridges Jam-Session“ gestartet, um neue Musiker*innen einzubinden. Einmal monatlich jammen die Musiker*innen unter sich, aber auch regelmäßig an öffentlichen Orten. Z.B. gibt es am 23. September in Kooperation mit der Initiative „Über den Tellerrand“ eine Jam-Food-Fusion-Session im Atelier Frankfurt. Dazu gibt es bald mehr Infos und alle sind natürlich herzlich eingeladen! Organisiert wird dieses Projekt übrigens von einem deutschen Musiker und einem syrischen Musiker mit Fluchthintergrund, die sich über „Bridges“ kennen gelernt haben und Isabella, der Mitbegründerin von Bridges.

Zudem ist „Bridges“ auch außerhalb von Auftritten und Proben im Bildungsbereich aktiv. Derzeit machen wir mit 3 Kooperationspartnern zusammen interkulturelle musikpädagogische Projekte, etwa gemeinsam mit dem Ensemble Modern und der Bettinaschule. An der Hochschule für Musik und darstellende Kunst startet im nächsten Semester ein Seminar zur interkulturellen Musikpädagogik, das wir angestoßen haben und in das nun unsere Musiker involviert sind.

Du hast es ja bereits erzählt, Eure Ensembles werden über die hessischen Landesgrenzen hinaus gebucht. Letztes Jahr habt ihr das Konzert des HR-Sinfonieorchesters beim Open-Air auf der Weseler Werft eröffnet, in Berlin seid ihr schon gewesen. Wie geht es Euren Musikern dabei?

Die finden das super! Berlin war natürlich besonders aufregend und es war auch schön, soviel Zeit gemeinsam zu verbringen. Nach dem Auftritt für die Bundesregierung waren wir noch eingeladen, bei der Fete de la Musique in Berlin aufzutreten. Ein Fest in der ganzen Stadt, wo überall auf Straßen und Höfen Musik gemacht wurde – das passt gut zu Bridges! Dafür wurden wir von unseren Gastgebern, dem Theologischen Konvikt, für 3 Tage im Studentenwohnheim aufgenommen. Den ganzen Tag vor dem Auftritt haben 16 Musiker in jedem Winkel des Konvikts geprobt und gejammt und am Abend die Zuschauer mit diesem speziell zusammengestellten Programm begeistert. Wir planen daher für das nächste Jahr eine gemeinsame Probenfahrt für ein paar Tage – da müssen wir nur schauen, wie wir es finanzieren.
Vielleicht wundern sich jetzt einige, dass wir nicht trennen zwischen Musiker*innen mit und ohne Fluchthintergrund – für alle ist dieses Projekt und die damit verbundenen Auftritte aufregend, jeder profitiert davon und für alle ist es auch viel Arbeit – aber Arbeit die sich lohnt!

Ihr seid ein Projekt, das von vielen Menschen ehrenamtlich, aber auch mit Geldspenden, unterstützt wird. Wer engagiert sich bei Euch?

Die Ehrenamtlichen sind so bunt durchmischt, wie unsere Musiker*innen. Wir haben z.B. das Glück, dass ein „Finanzprofi“ unsere Handkasse pflegt, sortiert und digitalisiert. Oft wird unterschätzt, dass z.B. eine Fahrtkarte, die wir den Musikern erstatten bestimmt 10 verschiedene Arbeitsprozesse durchläuft. Da muss der Name drauf, das Auszahlungsdatum und Anlass, die wird aufgeklebt, getackert, kopiert, nummeriert und abgeheftet… ohne die deutsche Bürokratie hätten wohl weniger Menschen ein Ehrenamt 😉. Sonst haben wir viele tolle Helfer*innen die uns super unterstützen, z.B. mit Instrumenten oder Essensspenden, die bei den Proben und Treffen Räume auf- und zuschließen und sich um Getränke und Verpflegung kümmern, die unsere Texte korrigieren, Fotos bei den Proben machen etc. Drei Ehrenamtliche haben das Video für unsere Crowdfunding-Kampagne gefilmt und geschnitten – das waren sicher 60 Arbeitsstunden für jeden!

Eine große Unterstützung ist auch die Geldspende von Privatpersonen, die unsere Initiative schätzen. Manche starten auch Aktionen für uns, bspw. bei Feiern wird um Spenden für uns statt Geschenke gebeten. Oder Menschen entschließen sich uns mit einer Dauerspende zu unterstützen – so etwas hält unser Projekt definitiv am Laufen. Wir bekommen auch Fördergelder für einzelne Projekte und damit verbundene Sach- oder Honorarkosten. Das macht viel Arbeit aber funktioniert auch recht gut.

Welche Unterstützung wünscht ihr Euch für die die Zukunft?

Bei dem Umfang, den Bridges erreicht hat, kommt man nicht um Hauptamtliche herum, die das Ganze leiten und organisieren – die aber auch bezahlt werden wollen. Und besonders für diesen Kostenpunkt – die Personalgelder –  sind wir auf Spendengelder angewiesen und wünschen uns Unterstützung.
Dafür schauen wir, in welche Richtung es gehen kann; wo und wie können wir unsere Integrationsleistung durch die Musik noch ausbauen? Diese Richtung und die neuen Projekte planen wir eng mit den beteiligten Musiker*innen zusammen – wir haben regelmäßige Treffen und Besprechungen, das ist sehr arbeitsintensiv für Johanna und mich – aber ohne ein Mitspracherecht aller Beteiligten wäre Bridges nicht mehr Bridges.
Was super für unsere Planung ist, sind unsere großartigen Dauerspender, die jeden Monat einen kleinen Betrag spenden. Davon brauchen wir noch mehr – dann gibt es Bridges auch noch in 2018!

Mehr Informationen und Kontaktdaten finden Sie auf: www.brigdes-musikverbindet.de.